Neue Karte unter dem Eis der Antarktis zeigt doppelt so viele Hügel und ein riesiges Tal

Neue Karte

Unter zwei Kilometern Eis verbirgt sich eine Landschaft, die die Wissenschaft jahrzehntelang nur erahnen konnte. Eine neue hochauflösende Karte enthüllt nun eine überraschend komplexe Topographie – mit direkten Folgen für Küstenstädte weltweit.

Doppelt so viele Hügel wie gedacht

Die Überraschung liegt nicht nur im großen Maßstab, sondern auch im Detail. Die neue Karte zeigt ein dichtes Mosaik aus kleinen Hügeln und Rücken, die in früheren Modellen schlicht geglättet oder ignoriert wurden. Die Anzahl solcher Erhebungen fällt etwa doppelt so hoch aus wie bisher angenommen.

Auf den ersten Blick wirken diese Mini-Berge nebensächlich. In der Summe haben sie jedoch einen erheblichen Einfluss auf die Dynamik des gesamten Eisschildes. Kleine Hügel von einigen Hundert Metern Höhe bremsen das Eis lokal und lenken ganze Eisströme um. Enge Täler fokussieren den Eisfluss und erzeugen schnellere Kanäle. Große Talstrukturen, die sich über Hunderte von Kilometern erstrecken, ermöglichen hingegen das Eindringen von warmem Meerwasser und verstärken das Abschmelzen von innen heraus.

Viele dieser neu entdeckten Hügel liegen genau dort, wo große Eisströme bislang als relativ stabil galten. Künftige Klimamodelle müssen daher kleinteiliger rechnen, um keine falsche Stabilität vorzutäuschen.

Wie man unter zwei Kilometern Eis „sieht“

Der Blick unter die Eiskappe gelingt durch eine Radartechnik, die seit Jahrzehnten verfeinert wird. Forschungsflugzeuge senden Radiowellen aus, die problemlos durch das Eis dringen, am Felsboden reflektiert werden und wieder zurückkehren. Aus der Laufzeit dieser Signale errechnen die Forschenden die genaue Tiefe des Untergrundes.

Wo Messlinien fehlen oder das Gelände zu zerklüftet ist, kommt numerische Physik ins Spiel. Gleichungen, die die Fließdynamik von Eis präzise beschreiben, erlauben fundierte Rückschlüsse auf die Form des Untergrundes. Der Abgleich mit bekannten Messpunkten erhöht die Zuverlässigkeit der Gesamtkarte erheblich. Das Ergebnis ist das bislang detaillierteste Bild eines der entlegensten Orte der Erde.

Folgen für den zukünftigen Meeresspiegel

Die Antarktis speichert rund 90 Prozent des weltweiten Landeises. Schon kleine Veränderungen im Eisabfluss wirken sich global aus. Mit der neuen Karte lassen sich konkrete Szenarien wesentlich präziser durchspielen als bisher.

Manche Regionen erweisen sich dabei als überraschend robust, weil ein Kamm oder Felsriegel wie ein natürlicher Damm den Eisabfluss bremst. Andere Regionen sind anfälliger als bisher angenommen. Für Küstenstädte in Europa, Asien und Afrika liefern diese Daten eine präzisere Bandbreite möglicher Meeresspiegelanstiege – Werte, die direkt in die Auslegung von Deichen, Brücken und Hafenanlagen einfließen, die für die nächsten Jahrhunderte ausgelegt werden müssen.

Was diese Karte für Forschung und Logistik bedeutet

Geologinnen und Geologen können aus der Form der Täler ablesen, wie sich frühere Eisschilde zurückgezogen haben – ein schärferes Bild vergangener Warmzeiten, das für die Einordnung aktueller Klimaentwicklungen von unschätzbarem Wert ist.

Für die Logistik in der Antarktis ist der Untergrund ebenfalls entscheidend. Felsrücken unter dem Eis erzeugen an der Oberfläche gefährliche Spaltenzonen. Eine genauere Karte hilft, sichere Routen für Feldlager und Bohrkampagnen zu planen. Die dabei gewonnenen Bohrkerne liefern Jahrtausende alte Luftblasen, aus denen frühere CO₂-Konzentrationen und Temperaturschwankungen abgelesen werden können.

Wie man sich die Landschaft unter Eis vorstellen kann

Ein einfacher mentaler Trick hilft beim Vorstellen: Man stelle sich vor, das Wasser der Nordsee würde schlagartig gefrieren und dann um weitere tausend Meter anwachsen. Unter dieser gewaltigen Masse läge weiterhin ein komplexes Relief aus Inseln, Gräben und Küstenlinien – vollständig unsichtbar unter dem Eis.

Genau so verhält es sich in der Antarktis, nur in einem viel größeren Maßstab. Die neu kartierten Hügel könnten einst Inselketten gewesen sein. Die großen Täler markieren möglicherweise ehemalige Flusssysteme oder tektonische Gräben, die seit Millionen von Jahren im Dunkeln verborgen liegen.

Risiken und Chancen im Licht der neuen Daten

Die neue Karte macht deutlich, dass selbst wenige Zehntel Grad mehr an der Ozeanoberfläche genügen können, damit warmes Wasser über die Talstrukturen tiefer landeinwärts gleitet und das Risiko eines nicht mehr umkehrbaren Gletscherrückgangs erheblich steigt.

Gleichzeitig entsteht eine wichtige Chance: Klimamodelle lassen sich nun realistischer kalibrieren. Politische Entscheidungen zu Emissionszielen und Küstenschutzmaßnahmen basieren dann auf wesentlich solideren wissenschaftlichen Grundlagen. Für die breite Öffentlichkeit mag eine solche Karte abstrakt wirken – sie entscheidet aber indirekt mit, wie hoch Versicherungsprämien für Häuser in Hamburg, Rotterdam oder Venedig ausfallen und welche Schutzmauern sich Länder in den kommenden Jahrzehnten werden leisten müssen.

Die Antarktis bleibt ein schlafender Riese

In einem moderaten Klimapfad bremsen manche Hügel und Schwellen den Rückzug des Eises stärker als bisher gedacht – das könnte den Meeresspiegelanstieg verlangsamen, aber keineswegs stoppen. In einem Szenario mit ungebremsten Emissionen dringt warmes Wasser tief entlang der großen Talstrukturen vor, einzelne Eisschelfe kollabieren, und der globale Meeresspiegel steigt in den kommenden Jahrhunderten deutlich stärker als frühere Modelle erwarten ließen.

Die neue Karte öffnet ein Fenster in eine verborgene Landschaft. Vor allem aber liefert sie handfeste Zahlen, die die langfristigen Risiken dieses schlafenden Riesen schärfer erscheinen lassen – und die Dringlichkeit konsequenten Klimaschutzes unmissverständlich unterstreichen.

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